Archiv des Autors: Esther

Dancing Replies

Mit der Programmreihe „Making Dances – Dancing Replies“ lädt das Dance On Ensemble zeitgenössische Künstler:innen ein, in ihrer eigenen Sprache auf ikonische Werke des modernen und postmodernen Tanzes zu erwidern. Tim Etchells, Mathilde Monnier und Ginevra Panzetti / Enrico Ticconi antworten auf Arbeiten von Martha Graham, Merce Cunningham und Lucinda Childs. In fünf Werken, die über zwei Abende hinweg gezeigt werden, reflektieren die Künstler:innen historische Meisterwerke des Tanzes, die radikal mit den Regeln ihrer Zeit brachen.

Beginnend mit drei frühen, zentralen Werken von Lucinda Childs aus den 1970er Jahren, präsentiert das Choreografie-Duo Panzetti / Ticconi mit „MARMO“ seine Antwort auf Childs minimalistische Bewegungssprache und extremen Formalismus.

Die im Rahmen der Programmreihe gezeigten Werke lassen Zusammenhänge erkennen: zwischen unserem Tanzerbe und zeitgenössischem künstlerischen Schaffen, sowie zwischen Künstler:innen verschiedener Generationen und Traditionen.

never ending (Story)

Choreografie: Mathilde Monnier

Mit: Ty Boomershine, Emma Lewis, Jone San Martin, Gesine Moog, Marco Volta

Lichtdesign: Martin Beeretz
Sounddesign: Mattef Kuhlmey
Künstlerische Mitarbeit: Stéphane Bouquet
Kostüm: Mathilde Monnier
Kostümassistenz: Nora Stocker
Technische Leitung: Martin Beeretz

„Als ich die Einladung erhielt, über Merce Cunninghams Werk zu sprechen, wusste ich, dass es an der Zeit war, zu kommen und es zu tun.“ (David Antin)

Fast genau so fängt ein Gedicht von David Antin an. Dieses Gedicht, das er im Mai 1989 im Rahmen eines Festivals zu Ehren von John Cage improvisierte, steht am Anfang von Never Ending Story… und ist auch der Ausgangspunkt für das Stück. Ty Boomershine und das Dance On Ensemble baten mich, auf meine eigene Art auf Story zu antworten – einem Werk, das Merce Cunningham 1963 uraufführte.

„Und so wusste ich, dass es an der Zeit war, zu kommen und es zu tun.“

Jemand betritt die Bühne und erzählt Geschichten. Geschichten über Struktur und Rhythmus, Gefühle und Wiederholungen. Die Geschichte der Empfindung, die dem nächsten Tanz zugrunde liegt. Die Geschichte der Gesten, die diese Flut von Worten begleiten. Indem sie Geschichten erzählen, lernen die Tänzer und Tänzerinnen ihre eigenen Stimmen zu hören und ihre Bewegungen zu spüren. Während sie sprechen, erleben sie wie Gedanken sich im Geist und im Körper ereignen. Dieses „sich ereignen“ ist alles andere als ein abstrakter Vorgang: Gedanken sind keine entkörperlichten Phänomene, sondern vom Körper produzierte Vorgänge, die wiederum auf den Körper einwirken.

Reden und tanzen, reden wie man tanzt, tanzen wie man redet. Tanzen als der Versuch, sich an die Natur des Denkens anzunähern. Und an die Einzigartigkeit der eigenen Stimme, die einen Gedanken artikuliert.

Dieses Werk wird im Rahmen des Abends „Making Dances“ als choreografische Antwort auf Merce Cunninghams „Story“ aufgeführt, kann aber auch einzeln präsentiert werden.

Produktion: Dance On/DIEHL+RITTER
In Kooperation mit:  Münchner Kammerspiele
Mit Unterstützung von: Montpellier Danse à l’Agora, cité internationale de la danse

Deep Song Everything/ Nothing

Choreografie und Kostüm: Martha Graham

Einstudierung: Miki Orihara

Mit: Miki Orihara

Musik: Henry Cowell
Licht Design Rekonstruktion: David Finley
Neon-Installation: Tim Etchells
Licht: Martin Beeretz
Sound: Mattef Kuhlmey

Neon Installation: Tim Etchells

Deep Song wurde 1937 im Guild Theater in New York uraufgeführt. Der von Henry Cowell vertonte Tanz wurde als Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg komponiert. Deep Song war ein Schrei der Angst, eine Verkörperung von Martha Grahams Ängsten vor einer Welt, die durch die Unmenschlichkeit des Menschen zerrissen wurde. „Die heftige, kämpferische Angst von Deep Song ist so direkt und objektiv wie ein Schrei“, schrieb ein Kritiker.

In den Programmhinweisen heißt es: „Die Formen des Tanzes – seine Wirbel, Krabbeln auf dem Boden, Kontraktionen und Stürze – sind kinetische Erfahrungen der menschlichen Erlebnisse im Krieg. . . Es ist die Anatomie der Angst vor tragischen Ereignissen.“ Die Tragödie Spaniens wird durch die Choreografie universalisiert. „Es ist nicht Spanien, das wir in ihrer sauberen, leidenschaftlichen Bewegung sehen; es ist die Erkenntnis, dass die Tragödie Spaniens die unsere ist, die Tragödie der ganzen Welt ist.“ Der Tanz verschwand in den 1940er Jahren aus dem Repertoire, und wurde erst 1989 von Graham mit Terese Capucilli rekonstruiert.

Die langjährige Graham-Tänzerin und Dance On Ensemblemitglied Miki Orihara tanzt eine Neuinszenierung von „Deep Song“ im Rahmen der Programreihe „Making Dances“. „Everything/Nothing“ ist eine Neonschrift-Lichtinstallation des bildenden und Performance-Künstlers Tim Etchells, entstanden als Erwiderung auf Martha Grahams bahnbrechendes Werk „Deep Song“. Sie definiert den Bühnenraum, in dem Miki Orihara die Originalchoreografie tanzt. Der Text ist ein Zitat aus Federico García Lorcas Gedicht „Ay!“ aus dem Jahre 1931. Er lautet: „Everything in the world is broken. Nothing but silence remains.“

Etchells Arbeit, eine Konstellation von Wörtern aus Neon, hängt über der Bühne und tritt in einen Dialog mit Grahams Choreografie. Die Wörter leuchten einzeln auf, um jeweils kurz in das Werk zu intervenieren. Lorcas Text erfüllt so den Raum rund um das Stück. Durch die Wahl dieses spezifischen Zitats als visuellen Kontrapunkt für Grahams Deep Song schließt Etchell den Kreis, der ihre gewaltige choreografischen Meditation über den Spanischen Bürgerkrieg mit dem Erbe des ‘cante jondo’ im Flamenco-Gesang und mit Lorca selbst verbindet, der in diesem Krieg starb. Die Neonschrift konfrontiert Grahams tiefgründiges Portrait einer leidenden Frauenfigur mit einzelnen Wörtern und einer fragmentarischen Sprache, die auf traumatische Erfahrungen hinweist. Etchells spricht den Kern und Kontext des Tanzes direkt an, in vollem Bewusstsein der Begrenztheit der Sprache.

Diese Arbeit kann unter den entsprechenden Bedingungen auch einzeln präsentiert werden.

Diese Produktion von Deep Song wird als Linzensierung mit Martha Graham Resources präsentiert, einer Abteilung des Martha Graham Center of Contemporary Dance, Inc.