T H EE N S E M B L E

TY BOOMERSHINE, TÄNZER

Ty Boomershine © Dorothea Tuch

„Als junger Tänzer haben mich immer die älteren Tänzer interessiert, die ich auf der Bühne gesehen oder beim Training kennengelernt habe, – aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres emotionalen und intellektuellen Gewichts. Jetzt – selbst in meinen 40ern – empfinde ich die Dominanz der Jugend in der Tanzkunst als Enttäuschung. Ich habe verschiedene Beispiele von Kompanien erlebt, die den 'älteren Tänzer' schätzen, aber da geht es meist um Tänzer im Rentenalter, nicht um aktive, aber nicht mehr 20jährige Tänzer. Aus diesem Grund ist die Chance, ein Teil dieses Projekts zu sein, sehr aufregend und bedeutsam für mich.“
Ty Boomershine


Ty Boomershine, geboren 1968 in den USA, studierte Tanz an der Fort Hayes School for the Performing Arts in Columbus, Ohio, und beendete sein Studium 1989 mit dem Bachelor of Fine Arts (Tanz) am Stephens College in Columbia, Missouri.

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Neben Engagements in verschiedenen Kompanien (u. a. Lucinda Childs Dance Company, Emio Greco | PC, Merce Cunningham Repertory Emsemble, Bill T. Jones/Arnie Zane Dance Company, Leine Roebana Dance, Dance Works Rotterdam) war Ty Boomershine auch in diversen Arbeiten einzelner Choreografen zu sehen – wie z. B. von Dan Wagoner, Gus Solomons Jr., Ton Simons und Giulia Mureddu. Von 2007 an war er als Künstlerischer Assistent von Lucinda Childs tätig. Seit 1993 kreierte Ty Boomershine eigene choreografische Werke.

Mitwirkung als Tänzer
2012 Robert Wilson „Einstein on the Beach“
2009 Lucinda Childs Dance Company
2009 Nicole Beutler nb projects
2005 Emio Greco | PC
2005 Giulia Mureddu
2004 Irish Modern Dance Theater
1998–2005 Leine & Roebana
1997–98 Dance Works Rotterdam
1991–97 Lucinda Childs Dance Company
1992–93 Merce Cunningham Dance Company
1990–97 Ton Simons & Dancers
1991–96 Solomons Company/Dance, Gus Solomons Jr.
1990, 1992 Bill T. Jones/Arnie Zane & Co.
1990–92 Dan Wagoner and Dancers
1989 DANCENOISE

Eigene Arbeiten
Seit 1993 zeigte Ty Boomershine eigene Arbeiten am Movement Research (New York), Danspace Project (New York), OT301 (Amsterdam) und beim Holland Festival (Amsterdam).

Lehrtätigkeit
Ty Boomershine lehrte Tanz an diversen Ausbildungsinstitutionen, bei Festivals etc., u. a. University of North Carolina School of the Arts, Project Sally, University of Chichester, University of Michigan, Amsterdamse Hoogeschool voor de Kunsten, Codarts, Rotterdamse Dansacademie, Henny Jurriens Stichting, CODA Festival (Oslo) und New York University/Tisch School of the Arts.

Ty Boomershine unterrichtete vielzählige Kompanien wie z. B.
Lucinda Childs Dance Company, Emio Greco | PC, Dansgroep Amsterdam, Dance Works Rotterdam, Krisztina de Chatel und Kamea Dance Company.

Sonstige Tätigkeiten
Konzept und Organisation einzelner Veranstaltungen am ICKamsterdam

Probenleitung und Tourmanagement
ab 2008 Probenleitung für verschiedene Projekte von Emio Greco | PC und für gastierende Künstler und Kompanien am ICKamsterdam

ab 2009 Probenleitung für Lucinda Childs Dance Company und Assistent von Lucinda Childs; verantwortlich für Probenpläne, Tourmanagement, Master Classes und Workshops während internationaler Tournee

2010 Pere Faura, Amsterdam, NL / Barcelona, ES; Tour Manager und Produktionsleitung für die internationale Tournee; Probenleitung und Assistent für Pere Faura

2004 Leine & Roebana; Probenleitung und choreografischer Assistent; verantwortlich für die Tour der Produktionen

Einstudierungen
Ty Boomershine initiierte die Zusammenarbeit von Nicole Beutler und Lucinda Childs. Lehrte, probte und richtete zwei frühe Arbeiten (1977; 1987) von Lucinda Childs ein, die als Teil des Cover Festival 2 in Amsterdam wieder auf die Bühne gebracht wurden.

2007; 2010 Introdans, Arnhem, NL; Verantwortung für das Einstudieren, Einrichten und die Aufrechterhaltung der Arbeiten von Lucinda Childs

‚Field Dances’ in Robert Wilsons Oper „Einstein on the Beach“



Interview mit Ty Boomershine


Aus Programmheft 1

"I'm not interested in making a point of my age."

Ja, sein Name: Boomershine. Der fällt genauso auf wie der Mann selbst: groß, schlaksig, rotblond und ausgefallen gekleidet – a modern British flavoured style. Ty fand seinen Namen lange ganz normal. Denn in seiner Heimatstadt gibt es viele Boomershines. Erst als er Ohio verließ und immer wieder hören musste: „Oh what? Boomershine?“ Da wusste er es besser. Es ist ursprünglich ein deutscher Name aus dem Hessischen. Das ergab die familieninterne Ahnenforschung. Viel ist von diesem Erbe nicht geblieben. Bis auf das obligatorische Sauerkraut zu Silvester. Das soll Glück bringen. Ty Boomershine hat früh angefangen zu tanzen, dann die Lust verloren und ist mit 16 wieder eingestiegen.

Mit 21 begann er, professionell zu tanzen. Eine Tänzerkarriere, Reisen rund um den Globus, nein das hat er sich damals gar nicht vorstellen können. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen und sorgte sich als junger Tänzer eher, ob er nicht doch demnächst halb verhungert in der Obdachlosigkeit enden würde. Es kam ganz anders. Merce Cunningham, Lucinda Childs, Emio Greco, Bill T. Jones, Ty Boomershine hat für und mit berühmten, wichtigen Choreografen der Moderne gearbeitet und ist dafür sehr dankbar. Nicht weil sie prominent sind, sondern weil sie Künstlerpers.nlichkeiten waren und sind, mit einer klaren Vorstellung von ihrer Arbeit. Sie haben unverwechselbare Werke geschaffen. Ty wollte Cunningham-Tänzer sein, Childs-Tänzer, nicht ein Tänzer, der sich selbst sucht, seine eigene Bewegungssprache.
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„Ich habe mich immer besonders bei mir gefühlt, wenn ich die Stücke anderer tanzte und in diesem Sinne bin ich wirklich TÄNZER.“

Vor sieben Jahren hat Ty darüber nachgedacht aufzuhören. Er war 40 und überlegte, ob es an der Zeit sei, etwas Neues anzufangen. Vielleicht zurück an die Uni? Ironischerweise rief genau in dieser Phase Lucinda Childs an und bot ihm an, erneut mit ihr zu arbeiten. Manchmal, sagt Ty, ist er darüber verwundert, dass er immer noch tanzt. Aber nicht wegen seines Alters. Das interessiert ihn einfach gar nicht. Er verdrängt, verneint es nicht, nein, er vergisst sein Alter schlicht. Andere bringen es ins Spiel. Z. B. junge T.nzer, die sich im Unterricht oder in einer Audition unausgesprochen fragen: Was macht der denn hier? Deshalb hat Ty die Mail, in der das Projekt DANCE ON vorgestellt wurde, gleich gelöscht. Eine Kompanie für Tänzer über 40? Was sollte das werden? Einen Monat später schickte ihm ein Freund das Angebot noch einmal.

„Ich dachte, oh Gott, nicht schon wieder. Aber dieses Mal habe ich die ganze Mail gelesen und dachte, doch, es hört sich ziemlich interessant an.“

Ty suchte keinen Job, aber er hat sich beworben – unter großen Vorbehalten. Von der Audition war er begeistert. Die Leute haben ihm gefallen. Was verlangt wurde, hat ihm gefallen. Ihm wurde klar, welche Rolle das Alter spielt. Er traf auf erfahrene, reife Persönlichkeiten. Das Benehmen war anders. Alle waren entspannt. Niemand war sichtbar nervös. Niemand war gestresst, wollte um jeden Preis diesen Job. Es gab natürlich Wettbewerb, keine Frage. Aber der Umgang damit war anders.

„Ich zeige Dir, was ich kann, das ist das Beste, was ich kann, und ich verlasse mich darauf, dass alle das zu schätzen wissen.“

Verständnis und Respekt gab es von und für alle. In dieser Audition war sofort klar,

„hier geht es nicht darum, was ich körperlich (noch) leisten kann, was ich mit 21 konnte. Um ehrlich zu sein, ich bin heute besser als früher“, 

sagt Ty Boomershine und lacht. Er lacht gerne. Ende 2015, nach einer Woche gemeinsamer Arbeit in Berlin, sieht er, dass alle sehr diszipliniert arbeiten, sehr hohe Ansprüche an sich stellen. Niemand im DANCE ON ENSEMBLE ruht sich auf seiner Erfahrung aus. Das findet Ty Boomershine hat etwas mit Alter zu tun, mit Reife. Dieses Projekt, das er zunächst nicht ernst genommen hat, entpuppt sich für ihn als eine wunderbare Gelegenheit, wieder neue Erfahrungen zu machen. Dance on! Schade findet er nur, dass bloß sechs Tänzer und Tänzerinnen dabei sein können.


Die anderen Mitglieder des DANCE ON-Ensembles: