T H EE N S E M B L E

JONE SAN MARTIN, TÄNZERIN

Jone San Martin © Dorothea Tuch

„Tanz besitzt kein Alter. Wenn es im Tanz um die Beziehungen zwischen Bewegung, Raum und Zeit geht, denke ich, dass es allein davon abhängt, wie wir diese Dimensionen definieren. Besser als einfach gängigen Modellen zu folgen, wie sich die Tanzkunst zu entwickeln hat, ist es, neue Wege zu entwickeln, die der Tanzkunst eine Zukunft und ein längeres Leben – enthalten in unseren Körpern – geben kann. Tanz reicht über den Körper hinaus, und der Körper wiederum überschreitet seine physischen Grenzen... Es ist eine Frage der Grenzüberschreitung, besonders derjenigen in unseren Köpfen. – Lasst es uns wagen!!“
Jone San Martin


Jone San Martin, 1966 in Donostia/San Sebastian in Spanien geboren, studierte dort Tanz bei Mentxu Medel. Sie setzte das Studium am Institut del Teatre in Barcelona sowie am Mudra International in Brüssel fort.

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Später tanzte sie beim Compañía Nacional de Danza in Madrid, am Ulmer Theater und mit Jacopo Godani in Brüssel. Dem Ballett Frankfurt trat sie 1992 bei und war seit 2005 Tänzerin der Forsythe Company.
Seit 2000 choreografierte Jone San Martin eine Vielzahl eigener Arbeiten. Mit dem von Carlotta Sagna für sie kreierten Solo „Tourlourou“ war sie 2004 im Rahmen der Reihe „Sujets à Vif“ zum Festival in Avignon eingeladen. 2006 erhielt sie den „Lifetime Achievement Award“ der Asociación de Profesionales de Danza de Gipuzkoa. Seit 2014 ist sie Associated Artist der Dantzaz Kompainia in Donostia. 2016 wird Donostia/San Sebastian Kulturhauptstadt; Jone San Martin wird das Performing-Arts-Programm kuratieren.

Mitwirkung als Tänzerin

Ballet Frankfurt
„As a Garden in this Setting 1“, „Quinttet“, „Ali(e)n Action“, „The The“, „Sleepers Guts“, „Small Void“, „Opus 31“, „We leave here“, „Decreation“, „The Room as it was“, „7 to 10 Passages“, „Kammer/Kammer“, „Endless House“, „Eidos Telos"

The Forsythe Company
„Three Atmospheric Studies“, „Clouds after Cranach“, „Heterotopia“, „Human Writes“, „Angolo Obscuro“, „Theatrical Arsenal“, „Yes, We Can't“, „I Don't Believe in Outer Space“, „The Returns“, „Whole in the Head“, „Sider“, „Stellenstellen“, „Study #2“, „Study #3“, „Selon“

Eigene Arbeiten
2000 „Juana La Otra“ (Solo), Bockenheimer Depot, Frankfurt a. M.
2001 „Ser Estar y Parecer“, Bockenheimer Depot, Frankfurt a. M.
2003 „Remote Versions“, Bockenheimer Depot, Frankfurt a. M. (mit Agnès Chekroun und Fabrice Mazliah)
2004 „Double B(l)ind“, Bockenheimer Depot, Frankfurt a. M. (mit Agnès Chekroun und Fabrice Mazliah)
2007 „Hostis“, Bockenheimer Depot, Frankfurt a. M. (mit Agnès Chekroun)
2009 „Derivado“ (Solo), Dantzaldia, Bilbao
2010 „Gorputitz“, Creation for „Dantzaz Kompania“, Donostia/San Sebastian
2012 „Agurra Barnean“, Creation for „Kukai Kompania“, Donostia/San Sebastian
2013 „Ni Espioi“, Creation for „Dantzaz Kompania“, Donostia/San Sebastian
2013 „Legitimo/Rezo“, Barcelona (mit und Josh Johnson)
2014 „Gidariak“, Creation for „Dantzaz Kompania“, Donostia/San Sebastian
2014 „Le Bolle“, Bassano Del Grappa, Italien (mit Sandra Marín und Josh Johnson)

Zusammenarbeit mit Carlotta Sagna
2004 „Tourlourou“ (Solo), Festival d'Avignon, „Sujets à Vif“
2010 „C'est Même Pas Vrai“ (Solo), Paris (produziert von The Forsythe Company)

Mitwirkung in Filmen/Videos
„The Mind of Doctor Forsythe“, Installation Film Fabric Belgique
„The Way of the Seed“, Film Fabric Belgique
1996 „Jonemanak“ von Nerea Pagola
2004 „Meat Me“, arte-Kurzfilm (6 Min.), Kamera und Schnitt: Lutz Gregor, Konzeption und Choreografie: Jone San Martin mit Agnès Chekroun und Fabrice Mazliah


 

Interview mit Jone San Martin


Aus Programmheft 2

"Es warten noch viele Fragen"

Jone San Martin könnte (was sie nicht tut) ihre Geschichte so erzählen, wie wir sie aus Hollywoodfilmen kennen, ein bisschen kitschig und sentimental. Eine Tante hatte ihr beim Gummitwist zugeschaut und ihrer Mutter gesagt, das Mädchen sollte zum Ballettunterricht. Jone fand das auch. So fing ihr Leben als Tänzerin 1973 an. Mit sieben Jahren Ballettunterricht in Donostia. Donostia? Jone San Martin ist in San Sebastian aufgewachsen. Eine sehr, sehr schöne Stadt am Meer mit Bergen im Rücken, sagt sie. Für Kinder ein wunderbarer Ort. Trotz der vielen spanischen Polizisten, die über die Basken wachten und ihren Wunsch, unabhängig zu sein, unterdrückten. Jone konnte Baskisch auf der ersten Baskischen Schule in Donostia lernen. Minderheiten kämpfen immer darum, ihre Identität zu behalten. Besonders ihre Sprache und Kultur. „Dafür fühlst Du Dich verantwortlich, Du lernst, dein Land zu lieben und es zu verteidigen.“ Heute denkt sie weiter: Wie können wir im Respekt vor anderen Kulturen zusammen leben?
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Heute denkt sie weiter:

Wie können wir im Respekt vor anderen Kulturen zusammen leben?

Die Unterschiede genießen und kein Problem daraus machen?

Vielleicht fällt es Jone San Martin deshalb leicht, Orte und Länder zu wechseln, ein Nomadenleben zu führen. Sie zog mit 15 nach Barcelona und studierte klassischen Tanz. Dort hörte sie von „Mudra International“, der Schule von Maurice Bejart in Brüssel. Sie hatte Stücke von ihm in San Sebastian gesehen und mochte besonders seine Inszenierung der Tänzer, die er als „moderne“ Männer zeigte. Sie ging nach Brüssel und wurde „Mudristin“. Als sie 1985 die damals berühmte Schule verließ, hatte sie kein Engagement in der Tasche. Sie absolvierte Audition nach Audition - ohne Erfolg.

Für die klassischen Compagnien war sie zu modern, für die modernen zu klassisch. Sie wollte aufgeben und Maurice Bejart sei Dank - sie tat es nicht. Er sah sie zufällig und ermutigte sie, weiter zu machen. Jone San Martin verdingte sich als „freie Tänzerin“ und nahm jedes Engagement an. Der beste Job war, einen Job zu haben – das reichte ihr, um glücklich zu sein. Heute kommen ihr die jungen Tänzer/innen viel wählerischer vor. Sie möchte diese Erfahrungen auf keinen Fall missen und ist sich sicher, was sie heute kann, verdankt sie auch dieser Zeit. Und ihrer langen Zusammenarbeit mit William Forsythe. Über einen Freund lernte sie seine Arbeit kennen und ergriff die Chance, in Paris mit Forsythe-Tänzern zu arbeiten und ihm vorzutanzen. Den Augenblick, als er aufstand und sagte: „Welcome to the Frankfurt Ballet“, den wird sie nie vergessen. Sie war fassungslos. Die Arbeit mit Forsythe hat Jone San Martin geprägt: die Arbeit im Studio bis zur vollständigen Erschöpfung; die Freiheit, die er seinen Tänzern ließ. Viele Leute denken, wenn sie mit Forsythe arbeiten, wird er ihnen sagen, was sie zu tun haben. Das ist ganz falsch. Man ist auf sich selbst gestellt, entwickelt eigene Ideen. Sie verstand die Entscheidung von Forsythe, 2015 die Company zu schließen. Und sie war sehr dankbar für die 22 Jahre gemeinsame Arbeit. Besser hätte es nicht sein können. Sie hatte eigene Stücke choreografiert, gelernt, offen für neue Herausforderungen und Begegnungen zu sein.

Künstlerische Freiheit findet sie auch im DANCE ON ENSEMBLE. Die Frage nach dem Alter, die Frage, wie lange sie noch tanzen wird – das alles ist ihr vollkommen egal. „DANCE ON ist nicht dazu da zu zeigen, dass wir noch tanzen können. Es geht um viel mehr. Es geht darum, die Kunst zu befragen, an Antworten, an neuen Fragen zu arbeiten. Niemand von uns, ruht sich auf seiner Vergangenheit aus.“ Nein, alle sind neugierig auf die anderen Tänzer und Tänzerinnen, auf die Choreographen, Regisseure, Bildenden Künstler, mit denen sie zusammen arbeiten werden. „Das Experiment an sich ist schön. Ich liebe es, jeden Tag ins Studio zu kommen und zu fragen, was machen wir heute?“ Das ist für Jone San Martin purer Luxus. Wer weiß schon, was Rabih Mroué in den kommenden Wochen noch vorhat? Aber eines weiß sie sicher: Sie hat noch viele Fragen an den Tanz, die nur durch den Tanz gelöst werden können.


 


Die anderen Mitglieder des DANCE ON-Ensembles: